Demonstration… Gedenken und Anklagen!

Das Ereignis
Am 23. November 1992 kam es in Mölln zu rassistisch motivierten Brandanschlägen auf zwei Häuser, in denen Menschen mit Migrationshintergrund wohnten. Ein Haus brannte nieder, doch die BewohnerInnen konnten sich retten. In dem zweiten Haus welches angezündet wurde, starben Yeliz Arslan, Ayse Yilmaz sowie Bahide Arslan „ von deutscher Hand“. (unbekannter Interpret)
Noch während der Löscharbeiten gab es Bekenneranrufe bei der Polizei, die mit dem Ausruf „Heil Hitler!“ beendet wurden. Obwohl die Anrufe nicht zurückverfolgt werden konnten, wurden die Täter ermittelt. Der damals 19-jährige Haupttäter wurde zu zehn Jahren Haft nach Jugendstrafrecht verurteilt und der 25-jährige Mittäter bekam eine lebenslange Freiheitsstrafe. Heute befinden sich beide wieder auf freiem Fuß.

Kontext
Die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 führte zu einem nationalistischen Taumel in der Bevölkerung der BRD. Der Mauerfall und das Ende des kalten Krieges führten zu einem neuen Einheitsgefühl in Deutschland. Vielen Menschen schien es so als würde alles Berg aufgehen. Ein neues Freiheitsgefühl nationalistischer Prägung machte sich bei den „Deutschen“ breit. Trotz dieses Freudentaumels fand man anscheinend keine Erklärung für die eigene oft prekäre soziale Lage in der viele Menschen sowie man selbst steckten. Da lag es nahe, dass Irgendjemand Schuld sein musste und die kapitalistische BRD konnte es ja nicht sein, denn sie hatte sich ja als überlegen gegenüber der DDR gezeigt. Da für alte Schuldgefühle kein Platz mehr war und die neue Nation und ihr Wirtschaftssystem über jeden Zweifel erhaben schien, taten die „Deutschen“, was sie am besten konnten und suchten sich einen Sündenbock. Als die deutsche Nationalmannschaft 1990 auch noch Weltmeister wurde, erreichte das wiedererlangte Nationalgefühl seinen traurigen und widerlichen Höhepunkt. Politiker glänzten mit ihrer „Das Boot ist voll – Hetze“, Deutsche durften sich wieder deutsch fühlen und mit Scheinargumenten gegen Ausländer hetzen. Da ist es kein Wunder, dass sich einige Menschen motiviert fühlten, Deutschland wieder „die alte Größe“ wieder zu geben und sich den für sie offensichtlichen sozialen Problemen und deren Ursachen an zu nehmen. Anfang der 90er Jahre kam es zu etlichen rassistisch motivierten Brandanschlägen mit vielen Opfern. Mölln ist nur ein Beispiel von vielen und auch nur die Spitze des Eisbergs. Auch heute kann man an simplem Beispielen wie dem „schönen“ Satz den Peter Harry Carstensen einst formulierte „ Ich bin stolz Deutscher zu sein, ich bin stolz Schleswig Holsteiner zu sein und stolz auf die deutsche Geschichte und das ohne Vorbehalte“ erkennen, wie tief verwurzelt der deutsche Nationalismus auch in der „Mitte“ der Bevölkerung ist und war. Und dass die In Bezugnahme auf die deutsche Nation immer noch beliebter bei den Bürgern ist ,als z.B. die Problematisierung sozialer Probleme, die eben gerade durch die In Bezugnahme auf die eigene Nation verfälscht werden; ist ein klares Zeichen dafür, dass es in Deutschland ein sehr geringes Interesse an der wirklichen Bewältigung von Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus gibt.
Reaktionen der Stadt
Damals reagierte die Stadt Mölln vor allem mit Betroffenheit, kaum jemand mit Empörung und niemand mit Selbstkritik. Stattdessen fragte man sich, wie es so weit kommen konnte. Der Verein „Miteinander Leben e.V.“ wurde gegründet, es gab zahlreiche Protestmärsche, bei denen der Opfer mit Lichterketten gedacht wurde.
Seitdem gibt es jedes Jahr eine Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung, organisiert von der Stadt Mölln. Die Stadt Mölln allerdings, würde dem Geschehenen am liebsten so klein wie möglich und auch nur so groß wie nötig gedenken. Deutlich wird dies, wenn die Stadt um ihr Image zittert und eine Umfrage zur Meinung der Deutschen zu Mölln stellt. Bei dieser Umfrage, die 2002 in Auftrag gegeben worden ist, wurde deutlich, dass noch 53% der Befragten Mölln mit den Brandanschlägen und nur 47% mit Till Eulenspiegel in Verbindung bringen, diese Relation macht deutlich wie es mit dem Bewusstsein um die eigene Nation und deren Rolle bei Ausgrenzung und Verfolgung im Land der „Shoa“,( Holocaust)“ steht. Außerdem ist der nicht beendete Satz des Bürgermeisters von Mölln in einer Zeitung „ Was soll durch das Immer-wieder-Aufrühren . . .“ ein Zeichen für den Überdruss, der ebenso bei weiten Teilen von Möllns BürgerInnen verbreitet zu sein, scheint gesetzt werden. Traurig aber wahr.
Dabei ist es keineswegs so, dass es heute in Mölln und Umgebung keine Nazis mehr geben würde. Ganz im Gegenteil.

Naziproblem heute
Die rechte Szene in Mölln und Umgebung erstarkte in den letzten Jahren. Diese Strukturen festigen sich und sympathisieren auch mit den so genannten „autonomen“ Nationalisten. Es kam zu zahlreichen rechtsextremen Übergriffen in Mölln und Umgebung, unter Anderem auf alternativ aussehende Jugendliche, Obdachlose und Menschen mit Migrationshintergrund.
Bei den Kreistagswahlen 2008 erlangte die NPD einen Sitz im lauenburgischen Kreistag. Sie hatte ein Wahlergebnis von 2,1%. Aktueller und trauriger Höhepunkt war ein rassistischer Brandanschlag in Schwarzenbek, bei dem versucht wurde eine Pizzeria, die einem Iraner gehörte, an zu zünden. Die Täter Unterschrieben ihre Tat bei Presse und Polizei mit den Worten: Die Kanaken müssen raus“. Dieser und andere Vorfälle zeigen, dass sich nichts verändert hat und der Versuch der Bürgerlichen Gesellschaft und seiner Repressionsorgane dem Nazi-Problem Herr zu werden ein fruchtloser ist.

Warum Antifaschistische Arbeit ?
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Dieser Teil des Schwurs von Buchenwald hat richtig erkannt: Nazis entstehen nicht im luftleeren Raum, sie können ihren Ursprung in Vaterlandsstolz, völkischem Gedankengut oder Fremdenangst haben. Es geht uns nicht um die bloße Bekämpfung von klassischen Nazis, sondern auch darum ein Bewusstsein zu schaffen, warum es sie gibt und warum Rassismus auch aus der „Mitte der Gesellschaft“ kommt. Medien und Politik sowie die immer währende Verteidigung der Institution Staat und ihres Wirtschaftssystems und der damit einhergehenden ausgeprägten Klassengesellschaft haben ihren Teil zu den bundesweiten Angriffen beigetragen und den Hass geschürt. Im Zuge der Anschläge wurden mehr MigrantInnen abgeschoben, aufgrund der Verschärfung des Asylrechts. Also war die „Lösung“ des Problems die Opfer dieser Gesellschaft zusätzlich zu strafen oder abzuschieben. Die Neo-Nazis fanden zwar keine FreundInnen und ideologische SymphatisantInnen, komischerweise gab es aber erstaunlich viele Menschen, die dennoch ein „Ausländerproblem“ sahen und denen das Boot zu voll wurde. Kohl sei Dank! In Rostock wurde z.B. ein von MigrantInnen bewohntes Heim mehrere Tage lang von hunderten von Neo-Nazis und AnwohnerInnen belagert und unter Anderem mit Brandsätzen attackiert. Der Ausgrenzung von Menschen, weil sie nicht einer bestimmten Norm entsprechen, treten wir entschieden entgegen. Wenn Politiker das Ende des Multi-Kulti-Schmusekurses ausrufen, fragen wir uns, was die Alternative ist… Es ist diese Gesellschaft, die Menschen ausgrenzt und es unmöglich macht darin selbst bestimmt zu leben. Wir alle sind es den Opfern schuldig die wahren Gründe für ausgrenzende Gewalt zu begreifen und zu bekämpfen, wo immer sie stattfindet und welches Gesicht sie auch immer hat.

In Gedenken an die Opfer der Brandanschläge in Mölln 1992 sowie allen anderen Opfern von Nationalismus, rufen wir zu einer Demonstration auf. Damit wollen wir unsere Trauer über die Geschehnisse und unsere Wut über die bestehenden Verhältnisse auf die Straße tragen.
Der Opfer gedenken – Deutschland anklagen

Am 21.11.09
11.00 Uhr
Bauhof Mölln

Infoseite: moelln92.blogsport.de