15 Years after.

Abschlussredebeitrag gehalten auf der Demonstration zum 15. Jahrestag der Anschläge von Mölln. Der Redebeitrag stammt von Personen, die in der 1999 aufgelösten Autonomen Antifa Mölln aktiv waren.

Der faschistische Anschlag von Mölln ist heute fast auf den Tag genau 15 Jahre her. Yeliz Yilmaz wäre heute 25 Jahre alt, Aise Yilmaz fast 30 und Bahide Arslan Mitte 60. Was sie heute für ein Leben führen würden, wenn sie noch leben würden, weiß niemand. Sie starben in der Nacht auf den 23. November 92 im Alter von 10, 14 und 51 Jahren von deutscher Hand. Andere Mitglieder der Familie überlebten schwerverletzt. Ihre Mörder, die die Brandsätze warfen, Michael Peters und Lars Christiansen kamen aus Mölln und der näheren Umgebung.
Die Menschen in Mölln reagierten damals vor allem betroffen, kaum jemand indes mit Empörung, niemand mit Selbstkritik. Stattdessen überspielten die Einwohner ihr schlechtes Gewissen mit versteinerten Gesichtern, Schweigemärschen „gegen Gewalt“ und Lichterkettenkitsch. Denn Grund zum schlechten Gewissen hatten sie fast alle. Waren sie selbst es doch im immer stramm CDU-wählenden Mölln gewesen, die nach der Wende gegen „Überfremdung“ durch „Asylanten“ hetzten; abends beim Bier, auf der Arbeit, in den Sportvereinen oder wenn ihnen jemand dummkam beim Einkaufen, der in ihren Augen nicht ganz deutsch aussah. Nicht anders übrigens als die von ihnen gewählten parlamentarischen Vertreter im Kreis-, Land- und Bundestag, die mit ihrer „Das Boot ist voll“-Hetze dem Mob den Weg ebneten, zu den über 600 Brandanschlägen des Jahres 92, nach Rostock, Mölln und Solingen, um damit dann wiederum die Abschaffung des Grundrechts auf Asyl zu begründen.
Wir erinnern hier heute nicht in stillem Gedenken an die Opfer von Mölln, sondern mit Anklage und Kritik. Denn gerade weil die Möllner sich nach dem Anschlag so betroffen zeigten, brauchten sie über ihren Teil der Schuld nicht zu sprechen. So wie man in Deutschland nach 1945 weitermachte, als wäre nichts geschehen, so machten auch die Mölner nach dem Anschlag weiter, als hätte die mörderische Tat nichts mit ihnen zu tun gehabt. Aus schlechtem Gewissen tat man in den folgenden Jahren zwar etwas für ein weltoffenes Image. Vor allem aber, weil brennende Häuser nicht so gut zum bieder-ländlichen Image des beschaulichen Luftkurorts passten und weniger, weil man sich um die hier lebenden Migranten sorgte. Jährlich organisierten engagierte Bürger „Festivals für Toleranz“, zu denen man migrantische Trommelgruppen einlud, türkische Volkstanzgruppen beglotzte und sich versicherte, dass man fremden Kulturen gegenüber aufgeschlossen sei. Das waren zumeist sehr deutsche Veranstaltungen, wo man sich die Ausländer kommen ließ, damit sie einem den Persilschein ausstellen. Dass das genau das Ziel ist, räumt der Möllner Bürgermeister Wolfgang Engelmann auch ganz offen ein: es müsse endlich Schluss sein mit dem „Aufwühlen der alten Geschichten.“ (SZ, 22. 11. 2007)
Mit der Aufgeschlossenheit war und ist es aber in Mölln und anderswo immer dann schnell vorbei, wenn Migranten aus der festgelegten Rolle, die die deutsche Gesellschaft zuverlässig für sie bereithält, auszubrechen versuchen. Etwa um ein emanzipertes Leben auf Augenhöhe zu leben oder wenn sie grundlegende Rechte einfordern, wie das auf politische Teilhabe oder das Recht auf Bildung. Mit ihrem Anerkennungsgeschwätz sind die Zivilgesellschaftler daher nicht Gegner des ordinären deutschen Rassismus, sondern lediglich dessen elegantere Variante: als Differenz-Rassismus nämlich, der kulturell die Eigenheiten der Fremden anerkennt, um das zugrundeliegende alltägliche Unterdrückungsverhältnis gleich noch stärker zu zementieren. Sicher: diese Differenz-Rassisten wollen immerhin die Migranten nicht totschlagen, aber das ist nur ein bitterer, schwacher Trost. Denn auch sie lassen keinen Zweifel daran, dass sie, die Mehrheitsdeutschen, es sind, die ganz allein über die Rolle „ihrer“ Ausländer bestimmen wollen. „Näheres regelt ein Bundesgesetz“. – Den Ausländer duldet noch der weltoffenste Durchschnittsdeutsche im Grunde nur als Bewohner einer erbärmlichen Ethno-Klitsche, etwa als Döner-Laden-Betreiber oder als ärmliche russische Pensionärin mit Kopftuch; selbstbewusste Deutsch-Türkinnen oder -Russen sind ihm ein Grauen.
Und weil dieses Herrschaftsverhältnis unangetastet und unsichtbar bleiben soll, sind es gerade die zivilgesellschaftlichen Differenz-Rassisten, die sich von offener Straßengewalt zwanghaft abgrenzen. So schaut der westdeutsche Möllner Bürger dieser Tage empört auf den Schauplatz des jüngsten faschistischen Exzesses, auf die ostdeutsche Kleinstadt Müggeln, die ihm wie im Spiegel die eigene rassistische Fratze zeigt. – Um indes zu erkennen, wie dünn der sorgsam aufgetragene zivilgesellschaftliche Lack über den rassistischen Verhältnissen ist, dazu braucht man nicht in die Zone nach Müggeln zu fahren, dazu reicht ein Besuch auf einem norddeutschen Schüzenfest oder ein Gang über den Möllner Herbstmarkt, wo nichtdeutsch Aussehende lieber nicht hingehen, wenn ihnen ihr Leben lieb ist.
Dem gutmenschlichen Geschwätz von der Differenz tut das keinen Abbruch. Für die rot-grünen Benimmlehrer der Zivilgesellschaft, hier vor Ort der „Verein Miteinander Leben“, ist Rassismus immernoch vor allem das Schlecht-über-Ausländer-Reden. Doch selbst bei diesen Multikultifans verschwimmen die Grenzen. Immer öfter ist sogar aus Kreisen links der FDP das unmenschlichste aller Argumente gegen Rassismus zu hören: dass der Standort Deutschland leidet, wenn Ausländer geklatscht werden. – Der Skandal der faschistischen Gewalt indessen, die barbarische Vernichtungstat aus dem Geist des Nationalsozialismus, für die „Mölln“ steht, entgeht den guten Menschen in dieser Stadt genauso wie der grundsätzliche Skandal der deutschen Verhältnisse, durch die die Tat erst möglich wurde.
15 Jahre nach Mölln sind fast alle Überlebenden des Anschlags in die Türkei ausgewandert. Das bricht zu guter Letzt und vollends den Stab über das landläufige Geschwätz von Toleranz, Weltoffenheit und Anerkennung des Anderen. Mehr noch: Während ein durchschnittlicher Deutscher wie der hiesige Kreispräsident Meinhard Füllner von der CDU öffentlich und unwidersprochen davon schwärmt, dass es mit Deutschland wieder gerade schnurstracks zu einem Platz an der Sonne geht, halten gleichzeitig die gutmeinenden Möllner allen Ernstes deutsche Nabelschau in einem Gedenkgottesdienst. Erst diese obszöne Nachgeschichte des Brandanschlags macht den „Fall Mölln“ komplett. Und der „Fall“ dieser Stadt ist so bodenlos wie beschämend, dass wir den Bewohnerinnen und Bewohnern dieser Stadt zum Schluss nur zurufen können: Hören Sie auf mit Ihrem tatenlosen Gedenken, es ist eine Entehrung der Ermordeten. Hören Sie auf mit dem betroffenen Reden über eine Menschlichkeit, zu deren Unmöglichkeit Sie jeden Tag beitragen und wodurch Sie den Skandal verdecken, dass Sie es sind – Sie, die Mehrheitsdeutschen –, die die rassistischen Herrschaftsverhältnisse in dieser Stadt und in diesem Land aufrechterhalten und von denen Sie, Sie ganz allein, profitieren. Und so lange Sie mit dem Begreifen dieses Sachverhalts nicht wenigstens anfangen, werden wir, so oft es uns möglich ist, wiederkommen und Ihnen auf den Nerven herumtrampeln.
In diesem Sinn: Wir hören mit der Scheiße nicht auf, bis die Scheiße nicht aufhört!
Nieder mit Deutschland!